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Ausfallstrasse mit Einfällen

Frankfurt am Main: Börse, Großflughafen, Museumsufer, eine Skyline aus Glas und Stahl. Doch nur zehn Minuten von der City, an der Hanauer Landstraße, setzen Architektur und ungewöhnliche Ausstellungen entdeckenswerte Kontraste.
 

Die Hessische Bankenmetropole nach einem arbeitsreichen Wochentag: Dicht an dicht schlängelt sich die Feierabend-Prozession der Banker und Börsenmakler, der Dienstleister und Angestellten langsam aus der Stadt. Danach: Stille und Tristesse rings um die ausfallenden Verkehrsadern – könnte man denken. Doch ist der Berufsverkehr erst einmal abgeklungen, erwacht eine von Frankfurts Ausfallstraßen erst richtig zum Leben. Die ehemals grauen Industriegebäude und Lagerhäuser entlang der Hanauer Landstraße erstrahlen heute in kernsaniertem Glanz und wurden meist umfunktioniert. Wo früher Maschinen im stählernen Takt zu Werke gingen oder Waren lagerten, drücken sich jetzt Partymacher, Kreative und Trendsetter gegenseitig die Klinken von Lofts, Agenturen, Restaurants, Shops und Partylocations in die Hand.

Künstler, Trendshops und Wirte entdeckten die damals brachliegenden Flächen zu Beginn der 80er Jahre als erste für sich – und seitdem geht es mit der „Hanauer“ und ihrer Umgebung steil bergauf: Denn den Kultur-Pionieren folgten Investoren, die Anfang der 90er zu bauen begannen und teils preisgekrönte Architekturperlen aus der Taufe hoben. So mauserte sich die einstmals verfallende „Ausfallpiste“ zum Hotspot der Frankfurter Kreativ-Szene: Werber, Medienmacher, Künstler, Gastronomen – alle haben hier gebaut, gekauft, gepachtet oder gemietet. Und es siedeln sich mehr und mehr Architektur- und Kulturhighlights entlang der „Hanauer“ an – im Ostend viel Neues.

Die alte Union Brauerei ist sicher der sehenswerteste Beweis für den Aufwärtstrend der einfallsreichsten Ausfallstraße Frankfurts, wenn auch längst nicht das einzige Highlight. Ende der 80er Jahre wurde hier der Bierhahn abgedreht und das Fabrikgelände verfiel lange Jahre in tiefen Schlaf. Ardi Goldman, Frankfurter Bauherr der New Economy, und Architekt Michael A. Landes waren es, die 1999 das tot geglaubte Areal zu neuem Leben erweckten. Seitdem fließt hier kein Gerstensaft mehr – Literatur, Kunst und Architektur berauschen stattdessen die Sinne. Die Visionäre Goldman und Landes schufen eine kleine Stadt in der Stadt und achteten von Beginn an auf eine vitale Atmosphäre. So bildet eine von alten, schattenspendenden Kastanien begrünte Piazza den Mittelpunkt des Geländes. Diese Oase der Ruhe lädt, abseits des hektischen Takts der Börsenticker zu Begegnung, Klatsch und dem Finden neuer Ideen ein.

Um das Forum herum bilden verschiedenste Gebäude eine Kontrast-Kulisse zu der sonst in „Mainhattan“ vorherrschenden „Look-at-me“-Architektur der Bankentürme: Moderne, kräftige Quader aus optisch attraktiven Materialien wie Granit, Sichtbeton oder verschiedenfarbig gebrannten Steinen fügen sich harmonisch neben sanierte, teils mit plankenartigem Holz verkleidete Produktionshallen. Gegen so viel Erdverbundenheit setzt der massive Schornstein des alten Kesselhauses eine vertikale Dominante und unterstreicht eindrucksvoll die industrielle Vergangenheit des Areals.

Doch nicht die preisgekrönte Architektur allein macht das Areal so liebens- und lebenswürdig. Shops und Büros, Gastronomie und Jazzclub, Friseur und Diskothek, Weinhändler und Maßschneider, Künstlerateliers sowie die „Romanfabrik“ haben sich hier angesiedelt. Dieser 1985 gegründete Kulturverein bietet Künstlern und Kunstinteressierten aller Couleur einen öffentlichen kulturellen Ort für menschliche Begegnungen. Ob Lesungen, Konzerte, Tanz, Debatten oder Vorträge im kraftvollen Kubus der „Romanfabrikanten“, Wein in der Hofgastronomie, Events in den Union Hallen oder Party oben im „Sansibar Roofgarden“ – Besucher des Union Geländes erleben Kultur und Leben pur.

Wer sich am preisgekrönten Areal der alten Brauerei und den vielen weiteren architektonischen Höhepunkten am Rande der Straße sattgesehen hat, gönnt seinen Augen am besten vorerst Ruhe. Dafür bestens geeignet: eine Ausstellung, in der es absolut nichts zu sehen gibt. Dennoch ist das Dialog Museum auf der Hanauer Landstraße 145 einen Blick wert. Fast alles dort findet allerdings in völliger Dunkelheit statt. Um die „Sehenswürdigkeiten“ zu entdecken, muss der Besucher aus der bloßen Rolle des Betrachters heraus. Er wird aufgefordert aktiv zu werden, sich einzulassen, seine Sinne zu schärfen sowie in Dialog mit den blinden Museumsmitarbeitern und den Mitbesuchern zu treten. So erkundet der Gast in wechselnden Ausstellungen das Unsichtbare, genießt Gaumenfreuden im Dunkeln, oder schult spielerisch seine Kommunikationsfähigkeiten im „Casino for Communication“.

Hier lädt Ausstellungs-Organisatorin Orna Cohen Jung und Alt zum Mitmachen ein. Teils inspiriert von Klassikern des Genres gibt es hier Gesellschaftsspiele für zwei bis fünf Spieler, die den „blinden“ Teilnehmern ihre jeweiligen Stärken aufzeigen: Sind die Akteure besser im Anleiten oder Ausführen, im Assoziieren oder Kooperieren? Durch spielerisches Kommunizieren finden die Besucher es heraus.

Im „Taste of Darkness“ wiederum braucht es eine Extraportion Mut. Denn in diesem Restaurant ist buchstäblich blindes Vertrauen gegenüber Koch und Servicepersonal gefragt. Hier kann der Schein nicht trügen und das Auge isst ausnahmsweise einmal nicht mit. Allein angewiesen auf den schwächsten Sinn des Menschen, den Geschmackssinn, genießt der Gast ein mehrgängiges Überraschungsmenü. Und am Ende kommt bei der Auflösung der Speisefolge für so manchen die eine oder andere Üerraschung ans Licht ...

Mehr Infos für Ihre Entdeckungstour mit Augenöffner-Effekt entlang der Hanauer Landstraße finden Sie unter:

www.dialogmuseum.de
 
www.goldman-loftraum-immobilien-frankfurt.de

 

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