LEIPZIG
Nachts sind alle Mauern grau. Alle Mauern? Nein. Denn kleine Inseln des Lichts leuchten und blinken tapfer von den Dächern und Häuserwänden Leipzigs.In der Messestadt Leipzig gibt es viel zu sehen: Das alte Rathaus, die alte Börse, das Bach-Museum, die Baumwollspinnerei, um nur einiges zu nennen. Wer aber abseits der ausgetretenen Touristenpfade weniger bekannte Sehenswürdigkeiten sucht, dem wird besonders nachts ein Licht aufgehen. Denn wenn die Sonne im Westen untergegangen ist, erwacht so mancher alte Schatz des Ostens sichtbar zum Leben.
„Bei euch ist es aber dunkel”, soll sich sinngemäß der frühere jugoslawische Staatschef Tito bei einem Treffen mit dem Genossen Erich Honecker über die Stadtgestaltung der damaligen DDR geäußert haben. Scheinbar zeigte dieser Kommentar Wirkung beim SED-Generalsekretär, denn kurz darauf wurde die Partei-Initiative „Leipzig - Stadt des Wassers und des Lichts” geboren. Die DDR-Führung beabsichtigte, mit einer großen Anzahl von Leuchtreklamen in den Vorzeige-Städten Berlin, Dresden und eben der Messestadt Leipzig den Westen in einem blasseren Licht erscheinen zu lassen. Die Werbebotschaften der Reklamen waren im staatsmonopolistischen System der damaligen DDR eher Nebensache. Kaufen konnte man schließlich ohnehin nur das, was gerade im Angebot war.
Heute - fast 20 Jahre nach der Wende - sind die meisten Leuchtstoffreklamen nicht mehr am Netz oder wurden demontiert. Wer aber genau hinschaut, findet in Leipzig immer noch einige der flackernden Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Seit kurzem erfreuen sich diese wieder wachsender Beliebtheit – und zwar häufig als Kunst im öffentlichen Raum.
Medienkunststudentin Anne Richter ließ zum Beispiel die Neonröhren der Werbebotschaft „Tradition und Fortschritt für modernes Wohnen”, die hoch über der Stadt auf einem Flachdach am Leipziger Ring thronen, neu schalten. Einzelne Buchstaben flackerten von Juli bis August 2006 am nächtlichen Horizont auf, die sich im Kopf des Betrachters zum Wort „Sehnsucht” zusammensetzten. Weiterer Beleg für die Renaissance der alten Schätze ist die Lichtreklame für „Isolator Zündkerzen”, die das mitten im Zentrum gelegene Museum der bildenden Künste ausstellt. Aber nicht nur als Kunst oder zum Ausstellungsstück umfunktionierte Lichtinstallationen sind im täglichen Stadtbild zu finden. So prangt zum Beispiel der Schriftzug „Gut angezogen mit Fortschritt Kleidung” in der Nähe des mit reichlich modernem Neon bestückten Hauptbahnhofs. Nicht weit entfernt, am Ende der Jahnallee, wirbt noch der Slogan „Wie aus dem Ei gepellt” für den längst aufgelösten Volkseigenen Betrieb (VEB) Leipziger Färberei und Chemische Reinigung.
Das wohl bekannteste Lichtspiel ist allerdings die strahlend-bunte vierköpfige „Löffelfamilie”, eine Leuchtreklame für den VEB Feinkost aus der Leipziger Südvorstadt – Leipzigs kulturellem Viertel schlechthin und immer einen Besuch wert. Vater, Mutter und die beiden sozialistischen Wunschkinder sitzen dort im Halbkreis bei Tisch und begannen 1973 damit, allabendlich bei Dämmerung ihre Suppe zu löffeln. Die Illusion der Bewegung wird durch jeweils zwei rechte Neonröhren-Arme pro Figur hervorgerufen. Der eine hält den Löffel in die Suppe, der andere denselben ins Gesicht, was zu einer etwas zackigen Bewegung führt. Im damaligen Erläuterungsbericht für die Werbeanlage beschrieb die Firma PGH Neontechnik: „Die Umschaltgeschwindigkeit ist für jede Figur einzeln stellbar und läßt sich [...] einzeln auf optimale und unterschiedliche Esstemperamente einstellen.” Trotz der sparsamen Zwei-Stufen-Animation hatte der Clan schon bald eine beachtliche Fangemeinde angesammelt.
Als 1991 die Suppenschüsseln an der Hauswand der Karl-Liebknecht-Straße 48 dunkel blieben und die Leipziger Löffler (vermutlich wegen Nahrungsmangels) immer mehr verfielen, stieß dies vielen Leipzigern sauer auf. Die Bürger wollten „ihre” Familie wieder strahlen sehen und setzten sich für Ihre Erhaltung ein - mit Erfolg: 1993 erklärte das Land Sachsen die Leuchtreklame zum Kulturdenkmal. Da jedoch das Geld zur Restauration und Instandhaltung knapp war, gründeten 1996 verschiedene Kulturvereine und Bürger die „IG Löffelfamilie”. Die Interessengemeinschaft sammelte durch Veranstaltungen und Spendenaufrufe, an deren Auftakt die sogenannten „Löffeltage” standen, rund 100.000 D-Mark und sanierte 1999 das Wahrzeichen der Leipziger Kulturmeile. Seitdem löffelt die Familie wieder jeden Abend zwischen 21 und 24 Uhr an der „KarLi” eifrig Ihre Suppe. Guten Appetit!