Nächster Halt: Bahnhof Kunterbunt
Wäre Leben ansteckend, würden die Toten auf dem Prager Friedhof in Stuttgart wohl keinen Frieden finden. Denn direkt neben den ewig ruhenden „Anliegern“ füllen Künstler, Musiker, Gaukler und Kreative aller Art das Nordbahnhof-Areal mit geradezu überbordender Vitalität.Wer den Eingang zum etwas anderen Bahnhofsviertel an der Heilbronner Straße neben dem alten Friedhof findet und betritt, tut einen Schritt in eine beinahe andere Welt. Ungeschminkt und weit entfernt vom Chic angesagter Ateliers ist hier ein Raum für Kunst und Kultur entstanden, wie er vielfältiger kaum sein könnte. Schritt für Schritt einen Kiesweg hinunter und dann geradeaus, geht der Besucher knirschend auf die Wagenhallen zu, ein historisches Ensemble, für das „Lokschuppen“ heute wohl eine Beleidigung wäre.
Die 110 Jahre alten roten Backsteingebäude mit der Hausnummer 1 standen lange Jahre im Dienste der Königlich Württembergischen Eisenbahn und wurden dazu genutzt, erst Loks und Waggons, später dann Busse des Stuttgarter Regionalverkehrs instand zu halten. Hämmerte, schweißte und arbeitete man hier jahrzehntelang für das Allgemeinwohl der Bürger und Besucher der Schwabenmetropole, hat sich daran im Grunde bis heute nichts geändert. Seit 2004 allerdings dienen die hier durchgeführten Arbeiten dem Schaffen von Kunst und Kultur statt der Wartung und Reparatur: Es hämmern Schlagzeuge und Beats bei Konzerten namhafter Bands und beliebten Partys, es schweißen pardon schwitzen Besucher auf der Tanzfläche oder im Biergarten bei kühlen Getränken und es arbeiten Maler, Bildhauer, Installationskünstler und Geschichtenerzähler unermüdlich an ihren Werken.
Der Biergarten samt feinem Sand und Beachvolleyball-Feld bietet im Sommer tagsüber Strandatmosphäre pur, abends knistert die Lagerfeuerromantik. Diese Oase der Ruhe bietet, fernab von Verkehr und Nachbarn, Entspannung und Linderung des körperlichen Dursts. Wechselnde Ausstellungen und Events – von Lesungen über Kabarettveranstaltungen und Vorträgen bis hin zu Tango- und Theaterabenden – laden hingegen in den verschiedenen Räumen, Hallen und Ateliers unter den mit Glas durchbrochenen Dächern zur Befriedigung des seelisch- kulturellen Appetits ein. Wer möchte, kann hier außerdem Räumlichkeiten fast jeder Größenordnung für Firmenevents, Hochzeitsfeiern oder andere Veranstaltungen mieten.
Doch die Wagenhallen sozusagen das pulsierende Herz des Nordbahnhof-Geländes sind längst nicht alles, was es hier zu entdecken gibt. Wer sich weiter in das quirlige, teils von Skulpturen und Installationen aus Schrott „bevölkerte“ Paralleluniversum vorwagt, wird dafür unter anderem mit einem Blick auf die kreative Seele des Künstler-Reservats belohnt: Über eine kleine Eisenbahnbrücke gelangt man zu 17 Bahnwaggons aus einer anderen Zeit.
Die ehemals traurig anzusehenden Elemente des alltagsgrauen Bauzugs 3YG sind inzwischen bonbonbunt besprayt. Nichts erinnert mehr an die Zweckmäßigkeit Bautrupp-besetzter Nutzwagen heute genießt der Besucher stattdessen in vollen Zügen eine vor Kreativität sprühende Atmosphäre künstlerischen Schaffens. Ein Tonstudio hat es ebenso hierher gezogen wie einen Laden für Sprayerbedarf. Dessen Kunden können an der „Wall of Fame“ mit ihrem eigenen „Tag“ (Szeneunterschrift der Sprayer) direkt und völlig legal ausprobieren, ob sie die richtige (Farb)Wahl getroffen haben. Ein paar Wagen westwärts lädt ein Puppentheater Kindergartengruppen zu fantasievollen Geschichten ein. In weiteren Waggons leben und schaffen Designer, Künstler, Artisten und Freidenker aller Couleur hier eine Welt, die irgendwie nicht ganz im Hier und Jetzt zu sein scheint, und doch auf ihre Weise so intensiv und real ist, dass einem fast schwindelig wird.
Doch wer rastet, der rostet bekanntlich, was auf dem gesamten metalldurchzogenen Areal nur allzu augenscheinlich wird. So geht es also weiter auf Entdeckungsreise. Schon aus einiger Entfernung sichtbar, ragt ein teilweise bemaltes Betonwerk in den Himmel. Direkt davor, beinahe verschwindend, steht ein buntes kleines Gebäude des Nachts bei Veranstaltungen oder Ausstellungen oft zusätzlich farbenfroh beleuchtet: Das Atelier Unsichtbar.
1998 von Michael Kaufmann gegründet, dient das ehemalige Waagenhaus dem Ziel, einen Raum der kulturorientierten Begegnung und des Austausches an einem Ort zwischen Abriss und Neubeginn zu schaffen. Denn auch diese einzigartige Stätte künstlerischen Ideenreichtums ist, wie alle auf dem Gelände angesiedelten Gebäude, Waggons und Konzeptstandorte, vom Großbauprojekt „Stuttgart 21“ bedroht.
Wer also die Wagenhallen, die Galerie Hausgeburt, das Atelier Unsichtbar, die Waggons, das UFO Atelier und vieles mehr erkunden will, sollte sich nicht allzuviel Zeit lassen: Spätestens 2012 sollen die Waggons von der Deutschen Bahn an die Stadt übergeben werden, und die Mietverträge der Wagenhallen werden ohnehin nur in einem dreimonatigen Turnus verlängert. Bleibt im Namen der Kultur nur zu hoffen, dass die Stadt noch eine „Fahrplanänderung“ vornimmt und auf einen Kurs der Kultur umschwenkt, welcher vielleicht wenigstens Teile der hier gewachsenen Kunstszene in das neu zu Schaffende integriert.