Homing Sweet Homing
Ein neuer Trend zur Häuslichkeit breitet sich aus – allerdings fernab von getrimmtem Rasen und gebügelten Topflappen. Denn jetzt wird das Wohnzimmer zur Party-Zone."My home is my castle", das klingt nach akkurat aufgeschlagenen Kissen und Platzdeckchen. Tatsächlich aber entdecken immer mehr trendbewusste Menschen, dass man auch daheim jede Menge Spaß haben kann. Prominente Beispiele gibt es genug: Ben Becker etwa, bislang als feierfreudiger Schauspieler in der Berliner Partyszene bekannt, überraschte zu seinem 40. Geburtstag mit der Äußerung "zu Hause ist es am schönsten". Ähnlich verhält es sich mit der 25-jährigen Sängerin Sarah Connor, die jüngst per Fernseh-Doku-Soap Einblicke in ihr Privatleben gab. In einer Folge scharte sie in der Küche ein paar Freundinnen zum Marmelade-Einkochen um sich. "Eine Einmach-Party ist derzeit der Hit" – das stellt auch die "Centrale Marketing-Gesellschaft" der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) fest. Und preist das, was mancher Hausfrau früher als lästige Pflicht erschien, als "gemeinsames Happening" für jedermann.
Überhaupt liegt Kochen im Trend – wie TV-Sendungen mit hippen Köchen wie Tim Mälzer oder Jamie Oliver beweisen. Und so wagen sich heute auch kulinarische Einsteiger mit Freu(n)den an ausgefallene, neue Kochkreationen. Letzter Schrei: Das so genannte Flying Buffet. Dabei bedient der Gast sich zwar nicht selbst, sondern bekommt die verschiedenen Gänge wie bei einem Menu gereicht, die Portionen sind jedoch sehr klein. Die leckeren Mini-Snacks kommen mundgerecht, zum Beispiel auf einem Löffel oder einer Gabelspitze drapiert oder als Suppe im Espressotässchen daher. Viele Freizeit-Gourmets holen sich auch professionelle Unterstützung ins Haus. Ein Mietkoch bringt neben seinem fachlichen Know-how gleich die entsprechenden Produkte mit. "Alles was ich vor Ort benötige, sind Strom und Wasser", erklärt Kochprofi Mirko Pfuhland aus Dresden. Netter Nebeneffekt: Der Koch hinterlässt die Küche so, wie er sie vorgefunden hat – im besten Fall also sauber und aufgeräumt.
"Es gibt eine Inszenierung von Privatheit", stellt Dr. Eike Wenzel, Trendanalytiker vom Zukunftsinstitut Kelkheim fest. Die Feiern daheim bekommen Event-Charakter – so sind stilechte Cocktailpartys in Smoking und Abendkleid oder Themenabende besonders angesagt. Dabei ist die Musik an die zweite Stelle gerückt. "Es besteht keine Verpflichtung mehr, einen besonders hippen Musikgeschmack zu haben", so der Trendanalytiker. Wer mag, kann dem Event allerdings noch eine zusätzliche Note verleihen: Alles, was einen guten Cocktail ausmacht, hat zum Beispiel ein Profi-Barkeeper bereits im Gepäck, wenn er an der Tür klingelt – vom Icecrusher bis hin zum Papier-Schirmchen. Die mobile Cocktailbar "Sabor Latino" von Lia Ribeiro Brito Pfeiffer verbreitet darüber hinaus noch karibisches Flair: "Die Cocktails werden von qualifizierten original lateinamerikanischen Barkeeperinnen und Barkeepern in tropischen Kostümen gemixt", erklärt die gebürtige Brasilianerin ihr Geschäftskonzept. Unterstützt von einer entsprechenden Deko, wird das heimische Wohnzimmer so ganz schnell zur außergewöhnlichen Szenebar.
Ohnehin setzen die neusten Trends zur wieder entdeckten Häuslichkeit verstärkt auch bei den Räumlichkeiten an: "Wohnst du noch, oder lebst du schon?" fragte Ikea – und das mit Recht, denn immer mehr Menschen legen einen zunehmend kreativen Umgang bei der Gestaltung ihrer eigenen vier Wände an den Tag. Da ist es nicht mehr ausschlaggebend, ob der Lippenstift zum T-Shirt passt – renommierte Modedesigner beschäftigen sich mehr und mehr auch mit Tapeten und Wandfarben.
Und wenn die "Basis" erst mal stimmt, sind dem Einfallsreichtum keine Grenzen gesetzt – so eröffnet sich den Gästen hinter der Haustür ihres Gastgebers bisweilen eine unerwartet andere Welt. "Uns erreichen Anfragen von Kunden, die ihre Weihnachtsparty in den Sommer verlegen wollen, weil es ihnen im Winter dafür einfach zu kalt ist", erzählt Jens Weber, Marketingverantwortlicher im Alpincenter Bottrop. "Viele peppen auch den Kindergeburtstag mit einer Schneelieferung auf. Statt Topfschlagen ist dann Schneemannbauen und Schlittenfahren angesagt." Und dies alles ganz ohne Zutun von Petrus, denn die eisige Pracht haben viele Skihallen auch im Sommer im Angebot. Strandfeeling zum Feiern bevorzugt? Kein Problem, der nächstgelegene Baumarkt macht auch dies im Handumdrehen möglich. Bevor die Beach-Party steigt, sollte man sich jedoch über die Zweitverwertung des Sandes Gedanken machen – schließlich kommen da schnell ein paar Kubikmeter zusammen, die sich nicht wie Schnee früher oder später einfach auflösen.
Ob extravagante Party oder ungewöhnliche Wohnideen, all diese Trends haben eines gemeinsam: Sie finden zu Hause statt. Doch wie kommt es eigentlich zu diesem Rückzug, der eben nicht mit Abgeschiedenheit und Isolation einhergeht? Was Trendforscher als "Homing" bezeichnen, steht – im Gegensatz zu dem aus den 90er Jahren bekannten "Cocooning" – für eine positive Art von Häuslichkeit, die ganz auf geselliges Beisammensein setzt. Das eigene Heim wird zum sozialen Lebensmittelpunkt, weil sich die Menschen dort am wohlsten fühlen. So kommt es auch, dass der gute alte Spieleabend ein Revival erlebt – aufgepeppt durch ausgefallene Cocktails und Kochkreationen. "Die Leute treffen sich in vielen Altersgruppen, um wieder zu spielen, weil man auf einmal feststellt: Spiele spielen ist unglaublich kommunikativ", erklärt Ulrich Reinhardt vom BAT Freizeitforschungsinstitut in Hamburg – und die Getränke werden derweil in einer Badewanne voller Schnee kaltgestellt...