Architektur in R(h)einkultur
Wem beim Stichwort „Kranhaus“ der winzige, zugige Arbeitsplatz eines Kranführers in den Sinn kommt, liegt im Falle der gerade entstehenden Wohn- und Bürohäuser im Kölner Rheinauhafen um ca. 47.000 Quadratmeter und einen dreistelligen Millionenbetrag daneben.Doch ein Detail des ersten Gedankens passt: Die Aussicht ist auch in den glänzenden Glasbauten an den Ufern des Rheins grandios. Auf dem alten Kölner Hafengelände verschmelzen zur Zeit bauliche Glanzstücke der Moderne mit historischen Speichern und Festungsteilen zu einem einzigartigen Architektur-Ensemble. Wer hier dauerhaft den exklusiven Rheinblick mit Chic genießen möchte, sollte allerdings das nötige Kleingeld mitbringen – reichlich Kleingeld. Denn selbst in der ohnehin nicht ganz günstigen Domstadt setzen die Preise der neuen Wohneinheiten im auferstehenden Rheinauhafen neue Maßstäbe: Mindestens 3.500 Euro pro Quadratmeter zahlen die Käufer beispielsweise im Wohnkranhaus „Pandion Vista!“ – Concierge-Service und Sicherheitstechnik auf dem Niveau eines Fünf-Sterne-Hotels immerhin inbegriffen. Wer hoch hinaus will und eines der Penthäuser beziehen möchte, muss noch tiefer in die Tasche greifen. Rund 8.000 Euro kostet hier der Quadratmeter – ein Preis, der manchen ebenso schwindeln lässt wie die atemberaubende Aussicht auf Rhein, Dom und den kernigen Aurora-Sonnenstern der Mehlwerke auf der anderen Seite des Flusses.
Erdacht und entworfen wurden die drei umgedreht L-förmigen neuen Wahrzeichen der Kölner Südstadt vom Hamburger Stararchitekten Hadi Teherani. Der frühere Wahlkölner greift mit seinen elegant geformten, an Kräne erinnernden 60-Meter-Türmen gekonnt das Thema Hafen auf und setzt mit gläserner Leichtigkeit Kontraste zu den historischen, teils denkmalgeschützten Steinbauten des einstigen Binnenports.
Aber die weithin sichtbaren State of the Art-Gebäude sind längst nicht die einzigen sehenswerten Glanzstücke dieses aufwändig konzipierten Neubaugebietes. Im Süden des Geländes, wo lange Jahre ein Komplex ungenutzter alter Speicher nachts in stille Dunkelheit verfiel, ragen heute stolze, von Licht und Leben erfüllte Giebel in den Kölner Abendhimmel. Die markante Form des sogenannten „Siebengebirges“ – eine Anspielung auf die sieben ungewöhnlich spitzen Dächer – wurde während des Umbaus zu Wohn- und Gewerbeflächen vollständig erhalten. Ein Stück weiter nach Norden, den aufragenden Kranhäusern entgegen, blicken die Bewohner der „Wohnwerft 18.20“ auf den ruhig fließenden Rhein. Hier schufen die Architekten Oxen + Römer und Partner mit einem Ensemble aus vor- und zurückspringenden Quadern, die ein wenig an weiße Bauklötze erinnern, einen weiteren Höhepunkt moderner Baukunst. Direkt am Ufer des Yachthafens, nur einen Steinwurf von den Kranhäusern entfernt, beeindruckt das RheinauArtOffice mit seiner außergewöhnlichen Erscheinung. Die Form des zweigeteilten, scheinbar kantenlosen Gebäudes erinnert an eine Halfpipe und bietet selbst zwischen den vielen architektonischen Highlights der Halbinsel einen außergewöhnlichen Anblick.
Unmittelbarer Nachbar des hier angesiedelten Software-Riesen Microsoft ist das Kunsthaus Rhenania. Der „Speicher für Mixed Media“, wie sich das kräftige, rechteckige Haus heute nennt, wurde bereits 2004 saniert. Wo in den 20er Jahren noch lebenswichtiges Getreide lagerte, wird seit 1987 ganz in der Tradition des ehemaligen Handelshafens aufs Neue die Stadt versorgt – mit intellektueller „Grundnahrung“. Mehr als 50 Künstler aus verschiedensten Stilrichtungen und Kontinenten finden hier Räume und Raum zur freien Entfaltung. In der zentralen Halle im Erdgeschoss realisieren sie Konzerte, Partys, Lesungen, Tanz und Theater sowie Ausstellungen von Malerei bis Bildhauerei. Für kleinere Veranstaltungen bietet das Kunsthaus außerdem zwei Räume von geringerer Größe im Keller des alten Speichers an.
Die Kölner Kais überraschen noch mit vielen weiteren architektonischen wie kulturellen Höhepunkten: An der Nordspitze ragt das Schokoladenmuseum mit seiner unnachahmlichen Verschmelzung aus alter und neuer Architektur schiffsgleich in den Rhein. Gleich daneben lädt das deutsche Sport und Olympia Museum zum Stöbern in der Geschichte der Körperertüchtigung ein. Wer sich zur Genüge umgesehen und seinen Wissensdurst vorerst gestillt hat, ist froh, Füße und Seele ein wenig baumeln zu lassen. Auf der Uferpromenade, die sich über die gesamte Halbinsel zieht, findet der Besucher auf modern designten Bänken und in zahlreichen Restaurants und Cafés die Gelegenheit dazu. Hier lädt der Blick auf restaurierte historische Hafenkräne, die ruhige Wasserstraße und die majestätischen Drachen, die im Sommer über den Wiesen auf der anderen Rheinseite schweben, zum Verweilen ein. Ein Panorama beinahe so exklusiv wie der Ausblick aus den Kranhäusern – und dabei völlig kostenlos.
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