Wasser hat keine Balken? Jetzt doch: Mutige Architekten und Stadtplaner bauen nicht auf Sand, sondern auf See. Schwimmende Häuser eröffnen ganz neue Wohn- und Freizeitwelten – mit einem Design, das Wellen schlägt.
Eigentlich ist es eine ganz normale Terrasse – mit Gartentisch und Liegestuhl, Blumenkästen und Holzbohlen. Wenn da nur nicht die ungewöhnliche Aussicht wäre: Statt sattem Grün glitzert klares Wasser zu unseren Füßen. Und statt der Grashalme, die sich in einer leichten Brise wiegen, kräuseln sich kleine Wellen.
Es sind die Wellen des Gräbendorfer Sees, bis vor wenigen Jahren noch ein klaffendes Tagebauloch in der Lausitz. Und das Haus, auf dessen Terrasse wir uns sonnen, ist das erste schwimmende Haus Brandenburgs. Im Rahmen der dortigen Internationalen Bauausstellung – kurz: IBA See – wird aus der ausgebeuteten Landschaft eine Seenplatte, und einfallsreiche Architekten liefern die passende Bebauung dazu. Die Villen auf den Wellen sollen als Feriendomizile Wassersportler in die Lausitz spülen. Haus Nummer eins zumindest ging im August 2006 als Tauchschule vor Anker. Bis 2010 sollen auf vier Seen mehr als 100 schwimmende Häuser "stehen" – einige als ständige Wohnungen, eines gar als schwimmendes Restaurant.
Wohnen auf dem Wasser – was exotisch klingt, ist der Wellenkamm einer regelrechten Aqua-Avantgarde: Wo immer eine Stadt Wasserflächen aufzuweisen hat, machen sich derzeit Designer ans Werk, um einzigartige Wohnwelten auf See und Seen zu kreieren. So entsteht an der Flensburger Hafenpromenade der pulsierende Stadtteil Sonwik nicht nur am, sondern auch auf dem Wasser. In Hamburg dümpelt seit Mitte 2006 das erste "Floating Home" im Kuhwerder Hafen. In Kiel plant "Living on water" – eine Arbeitsgemeinschaft aus Haus- und Schiffbauern – die Förde mit großzügig verglasten schwimmenden Energiesparhäusern zu bevölkern. Und die Berliner Wasserstadt GmbH will an den Seen der Hauptstadt ganze "Wassersiedlungen" von acht bis zwölf schwimmenden Häusern entlang der Ufer oder an "Seebrücken" bauen.
"Immer mehr Menschen drängt es ans Wasser", konstatiert Koen Olthuis, mit seinem waterstudio.nl einer der führenden "Maritim-Architekten". Der Wunsch, sich lieber an eine Reling als an einen Gartenzaun zu lehnen und auf dem Wasser zu wohnen, ist allerdings nicht neu – verbinden sich damit doch uralte Sehnsüchte nach Mobilität, nach Individualität und Ruhe. Die Hausboote der Neuzeit bieten darüber hinaus nicht nur modernstes Design, sie sind auch noch so funktional und geräumig wie ihre gemauerten Pendants zu Lande. Dass Rasenmähen und Laubfegen entfallen, ist sicher eine praktische Begleiterscheinung.
Wie solche Ideen entstehen? Die Macher hinter den Hamburger "Floating Homes" beispielsweise sind Wassersport-Enthusiasten. Warum, so dachten sie sich, sollen wir nicht direkt dort bauen, wo wir am liebsten unsere Freizeit verbringen – und wo außerdem reichlich Platz vorhanden ist? Und zwar spektakulär und mit Stil: "Wir wollten eine einzigartige maritime Struktur schaffen – weder Haus noch Schiff", erklärt Architekt Martin Förster, der die erste wogende Wohnung gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Karsten Trabitzsch vom Stapel ließ. Försters energisch in den imaginären Seewind geneigte "Floating Homes" verkörpern Design pur. Mit dem guten alten Hausboot teilen sie sich gerade noch den Baugrund.
Manchmal hat der Schritt auf das nasse Element aber auch ernstere Hintergründe: Die Niederlande rüsten sich mit Amphibienhäusern gegen den möglicherweise steigenden Meeresspiegel. Die schwimmenden Reihenhäuser sind zwar am Land befestigt, passen sich aber dem Wasserstand an – sie gleiten an Stahlsäulen auf und nieder. Angenehmer Nebeneffekt: Mit dieser Konstruktion ist Bauen auch dort wieder erlaubt, wo es wegen der ständigen Hochwassergefahr seit Jahrzehnten verboten war.
Viel wichtiger aber bleibt das Gefühl der großen Freiheit – und die Gewissheit, von der leicht schwankenden Terrasse aus eine wirklich unverbaubare Aussicht zu genießen.
- Informationen:
- www.floatinghomes.de
- www.livingonwater.org
- www.waterstudio.nl