Schwere Eisentüren, vergitterte Fenster, nackte Böden, roh verputzte Wände, karge Möblierung und absolut minimalistische sanitäre Einrichtungen. Wer würde hier ernsthaft auch nur in Erwägung ziehen, ein Zimmer zu mieten?
Schon bei der Beschreibung rasseln die Schlüsselbunde der Aufseher, fallen die schweren Eisentüren dröhnend ins Schloss - die Rede ist von Gefängnissen. Wer würde an einem solchen Ort freiwillig - ja sogar genussvoll - seine Zeit verbringen?
Designorientierte Genussmenschen, erholungsbedürftige Workaholics, Trendsetter und Reisende abseits vom Mainstream gönnen sich neuerdings den "Knast-Komfort". Und dieser wird tatsächlich geboten: In unterschiedlichen Städten Europas wurden Gefängnisse zu Hotels umgebaut. Vom "goldenen Käfig" bis hin zum schlichten "Zellenvergnügen" zeigen diese Häuser eine große Bandbreite. Allen gemeinsam ist der Ursprung – hier verbüßten einst tatsächlich Gefangene ihre Strafe.
Erster Schauplatz Großbritannien: In Oxford wurde im November 2006 im Gaol-Castle eines der luxuriösesten Gefängnishotels eröffnet. Hier werden Queensize-Betten sowie DVD-Player in den Zellen und Designersofas auf den Gängen geboten. Die Geschichte des "Malmaison Oxford Prison Hotels" geht bis auf das 10. Jahrhundert zurück: Seit etwa 1166 diente das historische Gemäuer als Gefängnis. Ab 1236 war auch der Kanzler der Universität dazu autorisiert, rebellierende Studenten hier einzusperren. Noch bis 1996 lief der Gefängnisbetrieb. Heute genießen die Gäste das stylische Ambiente der 94 Zimmer. Die große Halle mit dem Glasdach – hier sieht und spürt man noch deutlich Gefängnisatmosphäre - war 1969 Drehort für den Film "The Italian Job" mit Michael Caine.
Wir wechseln den Drehort und befinden uns in der beschaulichen Schweiz. Noch bis in den Spätherbst des Jahres 1998 beherbergte das historische Zentralgefängnis in Luzern Sträflinge. Heute verbringen dort – sinnigerweise "Jailhotel" genannt – zahlreiche, zahlende Gäste den vollständig offenen Vollzug. Das 1862 erbaute und unter Denkmalschutz gestellte Gebäude bietet drei Unterkunftskategorien: "Suiten", "Most Wanted" und "Unplugged". Originelle Themensuiten wurden in den ehemaligen Verwaltungsräumen eingerichtet. Für Erlebnishungrige eignen sich die beiden anderen Kategorien: "Most Wanted" heißt die Übernachtung in der Original-Zelle, einfach und gepflegt eingerichtet. Das totale Gefängniserlebnis bietet die Kategorie "Unplugged" im dritten Obergeschoss: Hier ist sicher aufgehoben, wer sich für das ursprüngliche Leben im Gefängnis interessiert. In Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege wurden diese Zellen möglichst nahe am Originalzustand belassen. Die Duschen befinden sich so denn auch auf der Etage gegenüber. Und das Motto des Hauses lautet im Original-Dialekt: "Besch einisch dinne, wotsch gar nümme use!"
Wir verlassen Europa und finden in der Türkei ein Gefängnis ganz anderer Art. Das heutige "Gamirasu Cave Hotel" nahe der Stadt Ürgüp liegt im Herzen Kappadokiens. Es blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück: Nicht nur als Gefangenenhaus, sondern auch als byzantinisches Klausurkloster wurde das Gemäuer genutzt. Die Restaurierungsarbeiten an dem 18-Zimmer Hotel fanden 1999 statt. Für eine besonders anheimelnde Atmosphäre sorgt ein offener Kamin in jedem Gästezimmer. Das kleine Hotel liegt abseits der üblichen Touristenrouten und versprüht geheimnisvollen orientalischen Charme.
Zurück in Europa führt uns die "Gefängnisroute" zu Hotelzimmern mit "Schwedischen Gardinen" in Schweden. Im "Langholmen Hotel" auf der gleichnamigen Insel nahe Stockholm waren bis 1975 noch Häftlinge untergebracht. 1989 öffnete das Hotel die "Schwedischen Gardinen" in 89 Einzel- und 13 Doppelzellen. Und auch hier ist der Komfort mit eingezogen: Selbstverständlich verfügen alle Zimmer über eine eigene Dusche, Toilette, Telefon, Radio und Kabelfernsehen. Das Gebäude stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Als Rezeption und Cafeteria dient die alte Eingangshalle des Gefängnisses.
Zurück in Deutschland stellt sich uns die Frage, ob es auch hierzulande bereits die clevere Tourismusidee der Gefängnisübernachtung gibt. Und in der Tat wird das erste Gefängnishotel Deutschlands in Kürze seine Pforten – oder Gitter – öffnen. "Alcatraz" – Nomen est Omen – heißt dann die ehemalige Justizvollzugsanstalt Kaiserslautern. Ab 45 Euro pro Nacht und Zelle, inklusive Gefängnispyjama und Gefängnisfrühstück kostet dann hier der absolut offene Vollzug. Rund zwei Millionen Euro investierten die künftigen "Gefängnisdirektoren" in die Modernisierung der drei Zellentrakte. Übrigens handelt es sich bei den zwei Inhabern bezeichnenderweise um Rechtsanwälte.
- Informationen:
- Großbritannien, Oxford, “Malmaison Oxford Prison Hotels”
- www.malmaison-oxford.com
- Schweiz, Luzern, "Jailhotel Löwengraben"
- www.jailhotel.ch
- Türkei, Ürgüp, "Gamirasu Cave Hotel"
- www.gamirasu.com
- Schweden, Langholmen, "Langholmen Hotel"
- www.langholmen.com
- Deutschland, Kaiserslautern, "Alcatraz"
- www.hotel-alcatraz.de